Kirche Kunterbunt

Wie kann Kirche auf die Bedürfnisse von Familien eingehen? Das Gemeindeformat Kirche Kunterbunt (ca. 2-3 Stunden, 1x im Monat, meist nachmittags) bietet die Möglichkeit, mit allen Generationen zusammen Glauben anschaulich zu erleben. In England ist dieses Format als 'Messy Church' bekannt. Kern-Elemente sind Kreativ-Stationen, ein kurzer Werkstatt-Gottesdienst und gemeinsames Essen. Eben frei nach Pippi Langstrumpf: Kirche wie sie uns gefällt.

 

 

Informationen zu Kirche Kunterbunt

Grundwerte

  • Gastfreundlich: Kirche Kunterbunt will eine Willkommens-Kultur leben und Neue willkommen heißen (z.B. mit Namensschildern und einer fröhlichen Tischgemeinschaft).
     
  • Generationenübergreifend: Eine Familie kann gemeinsam Glauben neu entdecken. Dabei lernen Erwachsene von Kindern und ihren ehrlichen, tiefen Fragen. Kirche Kunterbunt ist kein Kinderprogramm mit Erwachsenen-Aufsicht – Jüngere und Ältere werden bei den Stationen und im Gottesdienst gleichzeitig angesprochen.
     
  • Kreativ: Beteiligung wird bei Kirche Kunterbunt groß geschrieben. Kein „Wir für euch“, sondern ein „Wir mit euch“ - an den Stationen, beim Werkstatt-Gottesdienst, eventuell bis hin zum bring & share-Buffet. 
     
  • Fröhlich feiernd: Kirche Kunterbunt ist eine „Auszeit“ im Alltag - die Gegenwart Gottes feiern, Gemeinschaft erleben, Essen genießen, das eigene Kreativsein neu entdecken. 
     
  • Christuszentriert: Glaube wird nicht belehrend, eher praktizierend, gemeinschaftsstiftend und explorativ erlebt. Grundsätzlich hat Kirche Kunterbunt ein beziehungs- und nicht programmorientiertes Gemeindeverständnis. 

Zielgruppen und Andockstellen

  • Familien mit Kindern von 0 – 12 Jahren. Die Stationen sind meist für 5-12 Jährige und ihre Eltern konzipiert.
     
  • Postmoderne Familien, die unter Alltagshektik und Berufsstress leiden, erleben eine „quality time“.
     
  • Eltern, deren Kinder in der Jungschar sind oder an Programmen eines CVJM / einer Gemeinde teilnehmen.
     
  • Eltern, die ihre Kinder in den konfessionellen Kindergarten oder die christliche Kinder-Tagesstätte schicken.
     
  • In sozial-missionarischen Projekten, die oft mit Kindern starten, ist eine Kirche Kunterbunt der passende nächste Schritt, da so auch die Eltern miteinbezogen werden (systemischer Ansatz).
     
  • Das Kinderbibelwochen-Team hat eine Ganz-Jahres-Aufgabe. Ein Sommer-Ferien-Programm geht weiter.
     
  • Taufpaten lösen ihr Tauf-Versprechen ein, indem sie ihr Patenkind zur Kirche Kunterbunt begleiten.
     
  • Kombiniert mit einem TRAINEE-Programm kann Kirche Kunterbunt als „Praxisfeld“ für junge Nachwuchs-Mitarbeitende mit aufgebaut werden.
     
  • Flüchtlingsfamilien oder Eltern mit behinderten Kindern können Gemeinschaft, Inklusion, kreative Betätigung, visuelle Verkündigung erfahren und erhalten Zugang zu einer christlichen Glaubenserfahrung.

Beispielhafter Ablauf

Freitagnachmittag halb vier. Unser 12-köpfiges Team (viele Konfis und Trainees) hat 10 Tische mit Stationen zur Jona-Geschichte vorbereitet. Wir treffen uns für die Gebetsrunde. Gleich wird sich das Gemeindehaus mit Eltern und Kindern füllen und ein wildes Gewusel einsetzen. Manche kommen direkt von der Schule, andere mit Spiel-Kameraden, einige Eltern direkt von der Arbeit und haben eben ihre Kinder aus dem Kindergarten abgeholt. 

Im Foyer wurden 2-3 kleinere Tische aufgebaut und mit Keksen ausgestattet. In dem ruhigeren Raum ist Platz zum Ausruhen, für eine Tasse Kaffee und ein nettes Gespräch. Zwei ältere Damen übernehmen den Ausschank und haben als "Barkeeper" immer ein offenes Ohr für die Besucher.

Alle Besucher werden persönlich begrüßt. Auf einem Tisch mit Namensschildern suchen alle nach ihrem Namen und für Neue erstellen wir ein Schild. Die Atmosphäre ist entspannt, man redet sich mit Vornamen an. Aus der Küche duftet es verführerisch. Manche haben sich in die Online-Liste eingetragen und bringen Salate mit. Dann klettert Heike auf einen Stuhl, begrüßt alle, sagt was zur Geschichte von Jona und dem Wal („Kann man vor Gott davon laufen?“). Sie erklärt kurz die Stationen, die überall im Raum verteilt sind. Meist ist ein Mitglied aus dem Team am Tisch und erklärt, was zu tun ist, stellt einen Bezug zur Geschichte her. Wenig später geht es rund.

Hier drüben basteln einige einen Knet-Wal, dort kann man mit Playmobil die Jona-Geschichte nachstellen und das Ergebnis wird fotografiert. An einem Tisch wird geknobelt, es werden Abzählreime ausprobiert – Jona wurde ja auch ausgelost. In der Ecke gibt es den Wal-Tunnel. Wie fühlt es sich an im Innern eines Wals? Die Älteren können an drei Laptops mit einem PC-Spiel die Stadt Ninive entwickeln. Oder sie versuchen auf dem Hof den Ball in ein improvisiertes Wal-Maul zu kicken. Auf der Bühne lernen einige mit Tobi das Jona-Lied und studieren einen kurzen Skecht ein. Andere lassen mit einem blauen Schwungtuch einen aufgeblasenen Wal im Meer tanzen und in einer anderen Ecke entsteht aus Kartons die Stadt Ninive. Auf einem Tisch ist Teig ausgerollt, Fisch-Ausstecher liegen bereit. Die Fisch-Plätzchen wandern in den Backofen und kommen zum Dessert wieder auf den Tisch. Immer wieder kann man die Station wechseln, Neues aufprobieren.

Um fünf stellt sich Tim, der heute den Werkstatt-Gottesdienst leitet, wieder auf einen Stuhl. Er bittet alle in die Ecke zu kommen, wo Sitzkissen liegen, der Beamer aufgebaut ist und einige Stühle stehen für die Omis, die mit ihren Enkeln da sind. Tobi stimmt das Jona-Lied an und lauthals singen viele mit. Der Sketch macht den Auftakt. Einige bleiben hinten stehen, sind noch auf Distanz. Aber das ist okay so. Es wird still im Raum für einige Sekunden. Wer will kann mit Gott reden. 

Inzwischen hat Nicole fünf Fotos aus der Playmobil-Ecke auf den Laptop gezogen. Tim erzählt an Hand der Bilder sehr dramatisch, wie Jona berufen wird, wie er abhaut, wie sie fast im Seesturm untergehen, wie Jona ausgelost wird und im Wal landet. Kann man vor Gott davonlaufen? Hat er auch einen Auftrag für uns? Tim stellt die Frage an Jessica, die kurz erzählt, welchen Auftrag von Gott sie für sich erkannt hat. Schließlich werden ein paar Verse aus dem Walfisch-Gebet (Jona 2) in einfachen Sätze gemeinsam gesprochen, danach stehen alle im großen Kreis zum Segens-Lied. Der Werkstatt-Gottesdienst ist kurz, lebensnah und kurzweilig. 

Im Anschluss bauen alle das Buffet auf. Ein Tischkanon mit Bewegungen eröffnet das Essen. Manchen gefällt er, sie werden ihn zuhause einführen. Es gibt Fischstäbchen („Sind die echt von einem Wal, Mami?“), Kartoffelbrei und die mitgebrachten Salat. Der Nachtisch, blauer Wackelpudding mit frisch gebackenen Fischplätzchen, schmeckt super. Die Gespräche an den Tischen sind lebhaft. Um 18:30 ist der offizielle Teil zu Ende. Viele helfen mit beim Aufräumen. Einige haben für Sonntag einen gemeinsamen Ausflug vereinbart. Am schwarzen Brett im Foyer hängen Gesuche für Kinderklamotten, Babysitter-Annoncen und ein Plakat mit allen wichtigen Infos für die nächsten Veranstaltungen, die Facebook- oder Instagram-Adresse.

Nach und nach leert sich der Raum. Gegen 19:30 Uhr schalte ich die Spülmaschine aus und lösche das Licht. Einige vom Team treffen sich in der Kneipe nebenan, werten aus und schmieden Pläne. Ich gehe erschöpft, aber glücklich nach Hause. Menschen entdecken Gott, die Kirche nicht auf dem Schirm hatten. Sie fangen zuhause an mit ihren Kindern zu beten. Welch ein Vorrecht hier dabei zu sein. Nächste Woche trifft sich das Team – und in vier Wochen ist es schon wieder so weit. Viele sehe ich bereits morgen vor dem Kindergarten wieder.

Was Kirche Kunterbunt nicht ist

  • eine interne Gemeindeveranstaltung: Über die Beziehungen vom Spielplatz oder der Grundschule werden junge Familien, Kinder und Erwachsene eingeladen. Oder alle Taufeltern und Paten bekommen einen Brief, wenn ihre Sprösslinge fünf werden.
     
  • ein Zubringer zum Sonntagsgottesdienst: Kirche Kunterbunt versteht sich als eine eigenständige Gemeinschaftsform, als ein neuer „kirchlicher Ort“. Es gibt eine Namensliste, das Team betet für die Menschen und kreative Formen des Gebets und christliche Gemeinschaft wird miteinander erprobt.
     
  • ein Event: Über die monatlichen Treffen hinaus entsteht ein neues Beziehungsnetzwerk. In der Kirche Kunterbunt können Menschen Schritte des Glaubens gehen. Eventuell fahren durch entstehende Kontakte Christen und Nichtchristen gemeinsam in den Camping-Urlaub.
     
  • ein Sonntagsevent: Kirche Kunterbunt findet zu der Zeit statt, die allen am besten passt. Manche am späten Freitag, am Samstag Nachmittag – was immer für die meisten vor Ort stimmig ist. 
     
  • rin theoretisches Konzept: Kirche Kunterbunt ist unter dem Namen Messy Church eine breite Bewegung er in GB, aber auch in den Niederlanden, Dänemark oder Schweden.

Was Kirche Kunterbunt bewirken kann

  • Kirchenferne Menschen, vor allem junge Familien, begegnen dem Evangelium und werden in eine christliche Gemeinschaft integriert.
     
  • Junge Familien werden gestärkt, erleben ein kreatives Umfeld, genießen die Tischgemeinschaft, bekommen Kontakte zu anderen jungen Familien und können den christlichen Glauben für sich entdecken.
     
  • Inklusionsprojekte, sozial-missionarische Projekte oder Migranten- und Integrationsprojekte bekommen ein geistliches Profil und entscheidende Impulse für die „systemische“ Weiterentwicklung, indem ganze Familien angesprochen werden können.
     
  • Kirche und christliche Organisationen werden als familienfreundlich wahrgenommen („Die tun was...“)
     
  • Jugendliche (z.B. in einem TRAINEE-Programm) finden ein kreatives und vielfältiges Erprobungsfeld. Das Kirche Kunterbunt –Team kann zu einer jugendlichen Aktiv-Gruppe werden. 

Ansprechpartner